GROSSE WORTE

von Daniel Große, freier Journalist Leipzig

Taucha. Für Außenstehende muss sich die Szenerie etwas bizarr angesehen haben. Am Sonntagmorgen trafen sich diverse in Schwarz gekleidete Herren an der B87, kurz vor der Autobahnauffahrt Richtung Dresden. Sie tranken Bier aus einem großen Glasstiefel, unterhielten sich und hörten Lieder aus dem Autoradio. „Drei Jahre und ein Tag“ hieß eines davon und was Reinhard Mey da sang, stand einem der Herren noch bevor. Zimmermann Dominic Thier hatte sein Bündel geschnürt und sich bereit gemacht für eine Wanderschaft von drei Jahren und einem Tag. So lange darf sich der Anhänger des Rolandschachtes nicht der Heimat nähern. „Der Rolandschacht ist die Zunft reisender Bauhandwerker“, erklärte Altgeselle Werner Kirscht. „Acht Berufe gehören dieser Zunft an: Maurer, Zimmerer, Steinmetze, Dachdecker, Schreiner, Betonbauer, Steinsetzer und Holzbildhauer“, sagte er weiter. Die Tradition reiche bis ins Jahr 1891 zurück. Seit jener Zeit tragen die Rolandsbrüder einen Schlips, der „blaue Ehrbarkeit“ genannt wird und ziehen durch die Lande. Auch heute sei die Tradition noch lebendig. „Die Wanderschaft hilft bei der Weiterbildung auf beruflicher Ebene und bei der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Männer“, so Kirscht.


Genau dafür bereit war Dominic Thier, der zum Abschied über den steinernen Löwen am Ortseingang Leipzigs kletterte und sich danach festen Schrittes auf den Weg machte. Umdrehen durfte er sich nicht – trotz diverser Schluchzer von Freunden und Familienangehörigen. Begleitet wurde Thier von Alexander Sarnow, der bereits seit zweieinhalb Jahren auf der Walz ist. Bereits vor vier Wochen verabschiedete sich Tony Hegen auf die gleiche Art. „Der ist jetzt auf Fehmarn und verdingt sich als Bühnenbauer“, so Werner Kirscht. Und von Christian Kleine, der vor einem Jahr loszog, hörte man, er sei nun in Bamberg.

Erschien am 31. August 2010 in der Leipziger Volkszeitung.

Frank Gürtler ist frustriert. Der 35-jährige Leipziger ist Altenpflegehelfer und möchte sich zum examinierten Altenpfleger weiterbilden. Die Arbeitsagentur Leipzig, bei der Gürtler derzeit gemeldet ist, verweigert aber die Übernahme der Kosten. Ein Grund dafür sei die laut Agentur nicht zu erwartende Fachkräftenachfrage in diesem Beruf. Pflegeverbände werfen der Behörde mangelnde Kompetenz vor.

Seit 2006 arbeitet Frank Gürtler als Altenpflegehelfer. Zuletzt war er bei der Hauskrankenpflege Susann Julius in Wiederitzsch tätig, absolvierte vor allem Nachtschichten. „Dort war man nach kurzer Zeit zufrieden mit mir. Allerdings sei der Bedarf an Fachkräften höher, weshalb ich als Helfer keine Zukunft hatte“, sagt er. Als er den Entschluss fasste, sich zur Fachkraft weiterbilden zu lassen, bekam Gürtler von dem Unternehmen die Zusage, dort seine praktische Ausbildung durchführen zu können. Auch eine Einstellungszusage wurde ihm ausgestellt, sollte er die Weiterbildung erfolgreich beenden. „Ich war total euphorisch und mir sicher, dass die Arbeitsagentur die Kosten dafür übernehmen wird, da meine Integration ins Berufsleben bereits gesichert ist“, schildert er.

Doch so einfach gestaltete sich die Sache nicht. Weiterlesen »

Der massenweise Betrug mit der angeblichen Eintragung in Gewinnspiele beschäftigt auch die Schweiz. Nachdem der Schweizer Markus Waldvogel, mutmaßlicher Kopf der Bande, in Deutschland festgenommen wurde, sucht der Blick nun Geschädigte in der Eidgenossenschaft. Über ein Formular können sich Betroffene melden, denen Gebühren für Gewinnspielsysteme wie Gewinnkomet, Tipptresor, Sunnytipp, Spielfox und andere abgebucht wurden.
Mit Waldvogels Festnahme dürfte sein unternehmerischer Drang und sein kaufmännisches Handeln, wie er seine Tätigkeit selbst bezeichnet, wohl vorerst gestoppt sein.

Vielen Dank an die Hinweisgeber.

Wir sind bei Dir, Paps. Jeden Tag. Und heute ganz besonders.

Der Südkurier hat in seiner heutigen Ausgabe einen Artikel zum Gewinnspielsumpf (Win-Express, Tipptresor, Deutsche Gewinn Garantie u.v.a.) und dem Wiener Karussell veröffentlicht. Demnach soll Markus Waldvogel mutmaßlicher Kopf der bundesweit und in Österreich agierenden Bande sein. In Todtmoos im Schwarzwald hat Waldvogel laut dem Bericht Außenstände bei Handwerkern und der Gemeinde. Ungewöhnlich, wo er doch eigentlich durch die Abzocke unschuldiger Verbraucher im Geld schwimmen müsste. Derzeit dürfte er an dieses Geld allerdings nicht herankommen – er sitzt in Untersuchungshaft.
Ich habe Markus Vonberg, Autor des Artikels, ein Interview zum Thema Gewinnspielbetrug gegeben.

Sie sind als Dudelfunker verschrien. Auch ich kritisiere immer mal wieder die sächsischen Privatradios. Wenn es aber drauf ankommt, können sie durchaus auch etwas leisten. Mit eigenen Redaktionen, ohne von der Zeitung abzuschreiben, was die Print-Kollegen gern mal den Radiojournalisten vorwerfen.

Beispiel: Die Flut im Osten Sachsens. Von Freitag zu Sonnabend verschärfte sich die Situation in Görlitz. Auch Chemnitz in Zittau waren betroffen. „Wir haben dann sofort den Automatismus rausgenommen und auf unseren Lokalstationen über die Katastrophe berichtet“, sagt Matthias Montag, Programmchef der BCS Sachsen, zu der die Lokalradios wie Radio Leipzig, Radio Dresden etc. und Hitradio RTL gehören. „Wir hatten bis Sonntag und auch zu Wochenbeginn locker zehn Reporter unterwegs, die sowohl die Lokalradios als auch RTL mit Informationen versorgten“, berichtet Montag weiter. Reporter Gunnar Tichi von Radio Zwickau hätte sogar die Schulanfangsfeier seiner eigenen Tochter unterbrochen, um in den Sender zu eilen.
Bei Radio Lausitz wurde am Sonntag das Programm komplett umgestellt. „Die Station wurde vom Mantel abgekoppelt und bekam ein eigenes Sonderprogramm. Wir fanden das angebracht und wichtig. Wenn Leute evakuiert werden müssen, woher sollen sie dann aktuelle Infos bekommen, wenn nicht von uns“, so Montag, der die Leistung seiner Redaktion als „großartig“ bezeichnet. „Das war Radio, wie es sein sollte. Schnell und aktuell, aber trotzdem zurückhaltend seriös“, meint er. Auch online sei das Thema begleitet worden, vor allem auf der Website von Radio Lausitz hätte es zudem viele Hörerkommentare gegeben.

Auch bei Radio PSR und R.SA habe man schnell reagiert, sagt Sprecher Nico Nickel. „Ab Sonnabend hatten wir es in den Nachrichten, gleichzeitig machte sich Falk Lange, unser Landeshauptstadtreporter von Dresden nach Niesky auf, um für beide Sender zu berichten“, sagt er. Hörer hätten sich gemeldet und Augenzeugenberichte geliefert. „Das war weit mehr Wortanteil als wir normalerweise an einem Sonntag haben“, so Nickel. PSR-Programmchef Ulrich Müller sei ab 7 Uhr im Sender gewesen, um die Berichterstattung zu koordinieren. Bei R.SA konzentrierte man sich neben der On-Air- auch auf die Online-Begleitung der Flut. „Auf unserer Facebook-Seite haben wir das Thema begleitet, es fand auch hier Interaktion mit dem Hörer statt“, erzählt Nickel. Nur die Spielshow um 12 Uhr am Sonntag bei R.SA wurde nicht gekippt. „Das sind langfristige Verträge, die wir einhalten müssen. Zudem geht die Sendung nur 15 Minuten, weshalb wir uns entschieden haben, sie zu senden“, so der Sprecher.

Karl Braun ist Thüringer, Journalist und leidenschaftlicher Fernsehmacher. Auf myspass.de hat er eine Webshow, die ihresgleichen sucht. Als Karlie Hase mischt er sich deutschlandweit unters Volk, hält ihnen das Mikro unter die Nase und lässt sie einfach reden. Mit teils sehr witzigen Ergebnissen, wie selbst das Video von der Körperwelten-Ausstellung beweist. Die ganze Story bei “Großes Netz”.

Seit wenigen Stunden wird eine Lokalgeschichte der Münsterschen Zeitung, Redaktion Neuenkirchen, durch das Twitterdorf gejagt. Der Artikel handelt von einem zerstörten Blumenkübel im Antoniusstift Neuenkirchen. Bewohner des Altenheims seien entsetzt, fassungslos und traurig. Es habe niemand etwas gesehen und der Kübel sei ja auch 150 Euro wert. Es mag an dem unfreiwillig komischen und ein wenig sensationsbetonten Schreibstil liegen, dass gerade diese Geschichte, die man in anderen Zeitungen wohl eher als kleine Polizeimeldung mitgenommen hätte, nun plötzlich die Aufmerksamkeit von gefühlt jedem zweiten Twitternutzer Deutschlands aufgegriffen wird. Das Hashtag #blumenkübel dürfte heute auf Platz 1 der deutschen Trending Topics liegen.

Während anfangs nur Sätze der Verständnislosigkeit über die scheinbar nicht vorhandene Relevanz des Themas getwittert wurden, setzte schnell Kreativität ein. Aktuelle Ereignisse wurden mit dem “Blumenkübel-Desaster” verknüpft. Genau das ist es, was ich an Twitter so liebe. Einige Beispiele, wahllos herausgegriffen:

wtfunblockeduii
Augenzeuge: “Überall war Erde.. Und dann diese Scherben.. Es war wie Krieg.” #blumenkübel

dhaunsch
Steve Jobs: Auch #Blumenkübel anderer Hersteller gehen kaputt.

utzer
#Blumenkübel geschändet, Politiker und Hinterbliebene fordern mehr #Überwachung zur Verhinderung ähnlicher Taten.

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#blumenkübel BILD spricht mit dem Schwager der Nichte. “Er war schon immer labil”!

Die Redaktion indes steht hinter der Autorin des Textes. “Die Autorin ist eine Praktikantin von uns, die heute ihre erste Praktikumswoche beendet hat. Natürlich hat diese Geschichte keinen großen Stellenwert für unseren Onlineauftritt. Aber wenn die Bewohner eines Altenheimes traurig sind über solch eine Tat, dann ist das für uns als Lokalredaktion ein Thema, das wir aufgreifen und darüber berichten”, sagte mir ein Redaktionsmitarbeiter. Er selbst wusste noch nichts vom Hype um die Blumenkübel-Story, fand die Reaktionen darauf aber “recht witzig.”

Ich selbst bin etwas zwiegespalten. Natürlich ist das keine Geschichte, die bundesweit interessiert. Allerdings – und da gebe ich dem Kollegen Recht – ist dieser Vorfall ein Thema für die Zeitung, wenn es Betroffene gibt. Nun erscheint ein Blumenkübel für 150 Euro keine große Sache, auch wenn es ein “großer Blumenkübel” war. Für die direkt vom Thema betroffenen ist das allerdings ein Problem. Ich hätte hier sicher nur eine Mini-Meldung für’s Print im Stil einer Polizeimeldung draus gemacht. Für den Onlineauftritt taugt so ein Artikel jedenfalls nur bedingt.

Update 15:43 Uhr:
Die Kollegen der Münsterschen Zeitung freuen sich über den Hype und haben gleich einen längeren Artikel dazu verfasst.

Stellfläche an Karl-Große-Straße wird vermarktet / Pächter lässt abschleppen und erhebt Vertragsstrafe

Taucha. In der Stadt gibt es ab sofort weniger Parkplätze. Nachdem das Parken in der Karl-Große-Straße jahrelang geduldet war, weist seit Neuestem ein Schild am Grundstück darauf hin, dass hier Stellplätze zu mieten seien. Unberechtigtes Parken löse eine Vertragsstrafe von 30 Euro aus, zudem müsse damit gerechnet werden, dass der Wagen abgeschleppt wird.

Kinobesucher, Patienten der umliegenden Ärzte, Kunden der Apotheke oder Besucher von Anliegern parken seit vielen Jahren auf der großen Stellfläche an der Karl-Große-Straße. Ein kleines Schild wies bislang darauf hin, dass dies ein Privatgrundstück ist. Abkassiert wurde allerdings nie. „Das Parken haben wir dort bislang geduldet“, sagt Axel Fischer, Geschäftsführer des Tauchaer Modehauses, dem als Teil einer Erbengemeinschaft das Grundstück gehört. „Weil Grundsteuer, Regenwasserabgabe und Reinigung aber Geld kosten, haben wir uns jetzt entschlossen, den Platz zu vermarkten“, erklärt er.

Die Vermarktung übernimmt das Unternehmen Wemax aus Halle/Saale. Und dieses lässt Falschparker gnadenlos abschleppen, wie Inhaber Torsten Märker erläutert: Weiterlesen »

Dem Radiosender R.SA, der kleinen Tochter von Radio PSR, wird oft (zu Unrecht) nachgesagt, er sei der Rentnersender in Sachsen. Möglicherweise hängt hier noch das Image des Vorgängers oldie.fm an. In Wahrheit ist R.SA der letzte verbliebene Sender im Freistaat, der seine Hörer ernst zu nehmen scheint, ihnen nicht dauernd Claims wie “Die beste Musik” und erfundene Wörter wie “Vielfalthammer” um die Ohren haut. Stattdessen gibt es lockere und unverkrampfte Moderationen, grad so, als würden die Radiomacher mit ihrem besten Freund sprechen, gepaart mit Oldies, 80ern und deutschen Songs. Diese Offenheit, Natürlichkeit und ein guter Schuss Selbstironie zahlen sich aus. Bei jeder MA. Und nun auch bei Facebook.

Seit gestern hat R.SA eine Facebook-Seite. Moderator Marcus Poschlod trommelt fleißig im Programm dafür. Mit beachtlichem Ergebnis: Heute früh überholte R.SA mit 220 Fans nach nur einem Tag die Dresdner Kollegen von Hitradio RTL. Diese haben seit Anfang des Jahres eine Facebook-Seite mit derzeit 213 Fans.
Nun ist es nicht so, dass Fans bei Facebook sofort irgend etwas bringen würden, geschweige denn bessere MA-Zahlen oder vermarktungsrelevante Vorteile. Allerdings zeigt der schnelle Anstieg der Fan-Zahlen die Affinität der Zielgruppe zum Internet. Und die scheint bei den R.SA-Hörern offenbar weitaus größer als bei den RTL-Hörern.

R.SA sollte jetzt diesen Schwung und die Anfangs-Euphorie nutzen und echte Inhalte auf der Facebook-Seite generieren. Nur da zu sein, reicht auf Dauer nicht. Die Zielgruppe will unterhalten werden. Aber auch das wird der Sender schaffen.

Update: Gute Recherche ist alles, hüstel. Wie ich gerade sehe, bezieht R.SA in guter Manier die Hörer mit in die Gestaltung der Facebook-Seite ein. Auf Augenhöhe mit der Zielgruppe. Kann auch nicht jeder Sender.


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Dies ist das Weblog von Daniel Große. Ich bin freier Journalist in Leipzig und veröffentliche hier ausgewählte Referenzen sowie private und berufliche Ansichten und Ereignisse. Außerdem übe ich Kritik an Online-, Print-, TV- und Rundfunkmedien oder mache mich schamlos über missglückte Pressemitteilungen und eigenartige Unternehmens-PR lustig. Das klingt nach dem, was es ist: ein unterhaltsames Blog mit breitem Themenspektrum ohne irgendeine Spezialisierung.
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