von Daniel Große, freier Journalist Leipzig
29. 10. 2009 20:36
Neue Wochenzeitung „Weiter“ erscheint ab Freitag in Leipzig
Leipzig bekommt eine neue Verkaufs-Wochenzeitung. „Weiter“ heißt sie, erscheint am Freitag zum ersten Mal und soll ein journalistisches Printprodukt für alle Leipziger werden. Initiatoren, Herausgeber und Chefredakteure sind Jan Kröger, Constanze Kretzschmar, Dirk Stascheit und Jonathan Fasel, allesamt volontierte und fast fertige Studenten der Journalistik. Ich sprach exklusiv für dieses Blog mit Jonathan Fasel über das Projekt und Journalismus in der Messestadt.
Jonathan, warum braucht es Eurer Meinung nach eine neue Zeitung für Leipzig?
Am Anfang unseres Studiums hatten wir das Gefühl, dass Leipzig zwar Medienstadt ist, aber trotzdem zu wenig bietet. Die etablierten Medien sind häufig zu behäbig, erzählen Geschichten nicht genug zu Ende und bleiben zu kurz an einem Thema dran. Außerdem gibt es kein wirkliches politisches Stadtmagazin. Kreuzer & Co. berichten nur ansatzweise über Politik. Zudem glauben wir, dass der Journalismus in vielen Tageszeitungen Deutschlands zu verkrustet ist und immer stärker von wirtschaftlichen Zwängen bestimmt wird, auch und vor allem innerhalb der Redaktion.

Und warum ist es mitten in der Krise, die auch vor den Medien nicht Halt macht, eine gute Idee, ein Printprodukt auf den Markt zu bringen? Warum nicht Online?
Weil wir ehrgeizig sind. Und weil wir glauben, Print wirkt nachhaltiger und bleibt mehr bei den Leuten hängen. Wir wollen mit unseren Geschichten nicht verhallen, wir wollen aufmischen und Aufreger bringen. Dazu braucht es ein Printmedium.
Aber vor allem junge Leute, wie Ihr es selbst seid, leben im Internet und beziehen dort gratis ihre Nachrichten. Und immer mehr etablierte Medien drängen ins Internet.
Das ist richtig, Online vernachlässigen wir ja auch nicht. Wir bieten auf unserer Website Anreißer zu den Geschichten. Wer sie komplett lesen möchte, hat in Kürze die Möglichkeit, ein Online-Abo abzuschließen. Das heißt, er muss das Printprodukt nicht kaufen.
Was sagt der Name „Weiter“ aus?
Wir heißen „Weiter“, weil wir weiter denken und tiefer in ein Thema blicken, als das jede andere Tages- und Wochenzeitung Leipzigs tun kann. Es gab in unseren Namensfindungskonferenzen einige sehr komische Vorschläge. „Weiter“ hat sich dann am Ende durchgesetzt. Das mag für manche wie „Vorwärts“ klingen und damit vielleicht einen linken Touch bekommen. Wir positionieren uns aber mit Absicht nicht in eine bestimmte politische Ecke.
Wie viele Mitarbeiter und Autoren habt Ihr?
Wir haben ein Team aus etwa 20 freien Autoren, die bislang komplett ehrenamtlich arbeiten.
Das heißt, sie betreiben Journalismus als Hobby?
Nein, das würde ich nicht sagen. Wir haben natürlich viele Studenten dabei, die aber größtenteils bereits volontiert haben. Aber es gibt auch freie Autoren, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen und sich bekannt machen wollen.
Wie stellt ihr da die journalistische Qualität sicher?
Wir haben eine doppelte oder sogar dreifache Absicherung. Zum einen gibt es ein Redaktionsstatut, nach dem alle Autoren arbeiten müssen. Zum anderen verfahren wir nach dem Sechs-Augen-Prinzip. Das heißt, der Autor, ein Chefredakteur und ein anderer Autor lesen über jeden Text.
Wie findet Ihr Eure Themen?
Die freien Autoren bieten uns Geschichten an und wir diskutieren zusammen darüber, das gleiche geschieht mit den Themen, die wir einbringen. Einmal in der Woche treffen wir uns in einer Kneipe zur Redaktionskonferenz. Dazu gibt es unzählige Treffen und Telefonate aller Chefredakteure. Auch online funktioniert die Teamarbeit, etwa per Mail, Chat oder GoogleDocs.
Das heißt, alle entscheiden darüber, ob ein Thema ins Blatt findet oder nicht?
Im Prinzip ja. Wir geben gerade jungen Autoren die Möglichkeit, ihre Themen bei uns umzusetzen. Bei anderen Zeitungen werden viele Geschichten geblockt, weil es nicht ins Redaktionskonzept passt oder vom Umfang her einfach nicht umzusetzen ist. Wir wollen hier auch die jungen Kollegen an die Hand nehmen, ihnen eine Plattform bieten.
Also die Fortsetzung des „Spiesser“-Konzepts für die ältere Zielgruppe?
So ähnlich, ja. Allerdings haben wir als junges Team natürlich auch eine junge Sicht auf die die Themen. Hinzu kommt bei uns eine fundierte Recherche.
Nenne bitte kurz die harten Fakten der Zeitung.
Wir erscheinen in A4, haben 16 Seiten, die komplett in Farbe erscheinen und beginnen mit einer Auflage von 1500 Stück zum Preis von einem Euro. Aufmacher ist zur Erstausgabe: “Steigende Kriminalität, weniger Polizisten.”
Wir funktioniert Euer Vertrieb?
Es gibt bislang drei Wege. Zum einen der Verkauf auf der Straße.
So wie die „Kippe“?
Ja, so wie die Kippe. Allerdings wollen wir es so ähnlich machen wie etwa die „BILD“-Verkäufer an der Straße. Zudem haben wir einen festen Stand – in der Grimmaischen Straße Ecke Neumarkt.
Und die anderen Vertriebswege?
Über das Abo. Bislang gibt es eine Handvoll Abonnenten. Die Zeitungen werden ausgetragen per Rad oder per Post verschickt. Zudem gibt es erste ausgewählte Verkaufsstellen, etwa der Kiosk am Augustusplatz.
Warum gibt es „Weiter“ nicht ganz normal im Zeitschriftenladen?
Weil das Pressegrosso für uns nicht zu bezahlen ist. Wir müssten über 53 Prozent des Verkaufspreises abgeben, das ist einfach nicht drin. Dafür sprechen wir eben gezielt Läden, Kneipen und Kioske an. Das Netz der beteiligten Händler ist im Internet einzusehen und wird sich auch weiter vergrößern.
Stichwort Anzeigenkunden.
Es gibt zur Erstausgabe zwei Anzeigenkunden, die keinen direkten Leipzig-Bezug haben. Natürlich suchen wir weitere Anzeigenkunden, speziell in und aus Leipzig.
Keine Angst vor den etablierten Medien, die es ohnehin schon schwer haben, Anzeigenkunden zu akquirieren?
Nicht wirklich, nein. Denn wir bieten ein anderes Werbeumfeld als die LVZ. Von der BILD mal komplett abgesehen, das ist ja ein ganz anderes Genre. Wir sehen uns auch nicht als Konkurrenz zur LVZ – sondern eher als Ergänzung.
Eure Zielgruppe?
Alle Leipziger und jeder, dem Leipzig am Herzen liegt.
Wie betreibt Ihr Leser-Blatt-Bindung?
Über die Themen. Wir werden Themen haben, die jeden Leipziger betreffen. Und wir geben Themen den Raum, um sie rundum zu beleuchten. Der Aufmacher der Erstausgabe etwa geht über vier Seiten mit Grafiken, Fotos und anderen Gestaltungselementen. Dazu bieten wir auch Stilmittel, die andere nicht bieten, etwa Doppelporträts zu einem Thema, Satire und anderes.
Und das Layout?
Hat Magazincharakter und ist sehr luftig. Wir haben eine Studentin aus der HGB rekrutiert und eine Freundin, die im Agenturbereich tätig ist. Beide haben ihre Erfahrungen eingebracht und aus ihren zwei Vorschlägen haben wir ein Produkt entwickelt.
Ich danke für das Gespräch und wünsche einen erfolgreichen Start.
Wir danken auch und sind gespannt.
Die Macher:
Jonathan Fasel, 25, Student der Journalistik und Politikwissenschaften, kommt ursprünglich aus München und hat sich während des Studiums in Leipzig verliebt. Sein Volontariat absolvierte er beim Print-Medienservice Südwest, einer Ausgründung der Rheinpfalz. Fasel konzipierte die Jugendseite „Downtown“ des SachsenSonntag und verantwortete sie eine Zeit lang. Fasel ist der Sohn von Christoph Fasel, Journalist und Buchautor.
Dirk Stascheit, Gründer der Kurzzeittageszeitung „Der Leipziger“, die 2003 für 14 Tage auf Probe erschien. Er ist unter anderem auch zuständig für die Website von „Weiter“.
Jan Kröger, Student der Journalistik und Politikwissenschaften, volontierte beim MDR-Hörfunk.
Constanze Kretzschmar ist ebenfalls Studentin der Journalistik und Politikwissenschaften, volontierte bei der “Rheinischen Post” in Düsseldorf.
Alle vier Macher sind Gesellschafter einer UG, also einer Mini-GmbH in Gründung.
26. 10. 2009 12:54

Taucha. Wenn ein Bundestagsabgeordneter wie Manfred Kolbe (CDU) zur Feier eines Entenhauses auf dem kleinen Schöppenteich in Taucha kommt, darf die Frage erlaubt sein, warum ihm das so wichtig ist. „Ich finde es gut, wenn private Unternehmer durch Sponsoring solche Maßnahmen umzusetzen helfen“, begründete er bei der gestrigen „Enthüllung“ der neuen Unterkunft für das liebe Federvieh. Selbiges war ob des ungewohnten Trubels mit Musik, Gulaschkanone und rund 50 Menschen auf die benachbarte Parthe geflüchtet. Nur drei Nutrias harrten am Teichrand aus – und verpassten so auch nicht, wie Bernd Rossa und Norman Imm die Plane vom Haus zogen und den Spruch „Ein Herz für Taucha“ nebst Name und Logo des Heimatvereins freigaben.
Unternehmer René Werner, selbst Mitglied im Verein, hatte das Haus im Mai 2003 errichtet, es mit der Werbung für seine Firma versehen und damit ein monatelanges, groteskes Politikum ausgelöst. Die neue Behausung, die Werner gemeinsam mit André Hamann, Hersteller von Spielhäusern, gestaltete, gehört nun offiziell dem Heimatverein. Damit ist das Quartier offenbar so politisch korrekt, dass Kolbe zum Mikrofon griff und sich zu waghalsigen Vergleichen hingezogen fühlte: „Das neue Entenhaus ist fast so schön wie der Bundestag. Ich wünsche ihm alles Gute“, sprach er, während aus den Lautsprechern von Diskjockey Roland der „Ententanz“ von Frank Zander und den Schlümpfen tönte.
Erschien am 26. Oktober 2009 in der Leipziger Volkszeitung.
25. 10. 2009 10:54

So nah sind Silbermond-Fans ihrer Band nur selten. Am Mittwoch durften 100 Hörer von Radio PSR in einem Konferenzraum des Senders am Leipziger Markt die Bautzener Musiker live und unplugged erleben. Sängerin Stefanie Kloß und ihre Mannen gingen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, immer wieder preschte die 24-jährige Frontfrau ganz nach vorn, forderte La-Ola-Wellen oder hielt das Mikro in Richtung ihrer Fans, die begeistert und lautstark mitsangen. Zu Hören gab es Kracher der Formation, die kürzlich erst den MTV Europe Music Award in der Kategorie Bester deutscher Act gewann, wie „Tanz aus der Reihe“ und „Nicht mein Problem“, aber auch die sanften Balladen „Das Beste“, „Irgendwas bleibt“ und „Symphonie“.

Unter den Zuhörern in dem kleinen und durch die Scheinwerfer sehr heißen Raum waren auch Nadine und Martin Faßhauer. Das junge Ehepaar hatte die Karten für das Konzert in der LVZ gewonnen. „Wir sind keine Hardcore-Fans, hören die Lieder aber sehr gern“, sagte Martin Faßhauer. „Ja, vor allem die ruhigen Stücke gehen unter die Haut, es war sehr schön“, stimmte Nadine zu, die bereits die finnische Band Sunrise Avenue in einem ähnlichen Clubkonzert hautnah erleben durfte.
Romantisch wurde es bereits vor dem Konzert. Michael Arping aus Weißenborn machte seiner Freundin Claudia Faßke vor den versammelten Gewinnern des Exklusivkonzertes einen Heiratsantrag. „Wir sind nun vier Jahre zusammen und ich hab mir überlegt, wie ich es Dir sagen soll. Darum hier ganz kurz die Frage: Willst Du mich heiraten?“, sprach der 39-Jährige souverän ins Mikro. Seine überraschte 31-jährige Freundin hauchte: „Oh ja, sehr gern“ zurück. Erst nach einem kurzen Wortwechsel mit Moderatorin Miss Peggy Schmidt bemerkte Michael Arping, dass er ja das Wichtigste vergessen hatte: den Verlobungsring. Dafür gab es nochmal einen Extra-Kuss von seiner Claudia.

Erschien am 23. Oktober 2009 in der Leipziger Volkszeitung.
25. 10. 2009 10:47

Taucha. Ende des Jahres verliert die Parthestadt ein bekanntes Geschäft. Goldschmiedemeister Siegfried Mäckel schließt seinen Laden in der Leipziger Straße gegenüber des Schöppenteiches. „Ich gehe in den Ruhestand“, so der freundliche 75-Jährige.
Seit 16 Jahren ist der Juwelier mit seiner Werkstatt in Taucha ein Begriff, die Kunden besuchten ihn zuletzt etwa für Anpassungen von Ringen und Ketten oder Reparaturen. Seine goldenen Jahre hatte Mäckel zu DDR-Zeiten, wie er erzählt: „Damals gab es ja nichts, es musste viel angefertigt werden.“ Hier waren die geschickten Hände und der scharfe Blick des Goldschmieds gefragt, der zu Spitzenzeiten drei Gesellen beschäftigte. Heute steht ihm seine Frau Gertraud zur Seite, hilft vor allem beim Verkauf mit.
Bevor er nach Taucha kam, hatte Mäckel sein Geschäft am Dittrichring in Leipzig. 33 Jahre lang. „Dann musste ich aus dem Haus raus und fand den Laden hier, der vielen Einwohnern heute noch als Gemüse-Lehmann bekannt ist“, erinnert er sich. Bevor er eröffnen konnte, musste er zahlreiche Umbauten vornehmen. Der Verkaufsraum wurde umgestaltet, Panzerglas eingebaut. Was Ganoven nicht beeindruckte. Zwölf Mal versuchten Einbrecher im ersten Jahr, die Scheiben einzuwerfen, schafften es auch einmal und räumten den Laden leer. Seitdem hat Mäckel Rollläden vor den Fenstern. „Sonst hätte ich wohl Ärger mit der Versicherung bekommen“, meint er. Konkurrenz zu den Uhrmachern der Stadt habe nie bestanden. „Unsere Geschäftsfelder sind ja doch unterschiedlich“, erklärt der ruhige Mann. Probleme bereitete ihm dafür die Eröffnung des Paunsdorf Centers 1994. „Danach wurde es schwerer“, sagt er.
Seit 1959 ist Mäckel im Besitz des Meistertitels. Am vergangenen Sonnabend wurde er gemeinsam mit weiteren Handwerkern im Leipziger Gewandhaus geehrt und erhielt den Goldenen Meisterbrief. Diese 50 Jahre wollte Siegfried Mäckel wohl noch voll machen, bevor er sich zur Ruhe setzt. Bis Jahresende findet nun ein Ausverkauf statt. Eine Nachfolgersuche blieb trotz zahlreicher Bemühungen, etwa bei der Innung oder im privaten und beruflichen Umfeld erfolglos.
Erschien am 22. Oktober 2009 in der Leipziger Volkszeitung.
25. 10. 2009 10:44

Taucha. Bei kühlen Temperaturen und Sonnenschein stehen die Mitglieder des Schlossvereins Klaus Arnoldt, Harry Hoffmann, Elke Kabelitz und Hartmut Kreyßig am Tauchaer Schlossberg. Mitgebracht haben sie Gartenscheren und jede Menge blauer Stapelkisten. „Hier sollen die Reben rein, wir hoffen auf eine gute Ernte“, so Klaus Arnoldt, der sich mit Harry Hoffmann seit 2002 um die Pflege der Anlage kümmert. Fachlich beraten werden sie von Winzer Armin Galler. „In diesem Jahr sind wir vom Mehltau verschont geblieben“, sagt Arnoldt. Schäden hätte es nur durch Vögel gegeben – trotz zahlreicher Netze. „Die wissen eben auch, was gut schmeckt“, lächelt Elke Kabelitz. Seit diesem Jahr unterstützt sie die beiden Männer, die eigentlich schon lange die ehrenamtliche Tätigkeit aufgeben wollten. Die Lese jedoch lassen sie sich nicht nehmen, zeugt sie doch von guter Arbeit über das gesamte Jahr.
Große blaue Trauben ernten die Hobby-Weinbauer, die Plastekisten werden rappelvoll. „Um die neun Kilogramm sind jeweils drin“, liest Klaus Arnoldt von der Waage ab. Jede Kiste wird genau gewogen und das Ergebnis aufgeschrieben. Am Ende steht die Summe von 470 Kilogramm, so viel wie noch nie. „Aus einem Kilo bekommen wir eine Flasche Wein“, hofft er.
Der Jahrgang 2008 brachte wegen des Mehltaus nur 53 Flaschen. Am 13. November sollen diese im Rahmen einer Veranstaltung an die Vereinsmitglieder freigegeben werden. Denn getrunken werden darf der Wein laut gesetzlicher Vorgaben nur vom Verein. Wie in den Vorjahren wird aus den Trauben nun trockener, roter Dornfelder. „Es gibt zwar seit einiger Zeit den Trend, aus blauen Trauben auch Weißwein herzustellen, aber diesen Quatsch machen wir nicht mit“, sagt Harry Hoffmann. Gekeltert wird der Tropfen im Weingut Rollsdorfer Mühle im Mansfelder Land. „Dort, wo das berühmte Saale-Unstrut-Anbaugebiet beginnt“, erklärt Arnoldt, der sich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für den Tauchaer Weinberg wünscht.
Erschien am 21. Oktober 2009 in der Leipziger Volkszeitung.
07. 10. 2009 08:59
Taucha. Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Sieben Schülerinnen der Tauchaer Mittelschule waren über ein Wochenende die „Mütter“ von Babysimulatoren. Lebensgroße, an Puppen erinnernde Hightech-Wunder, die zum einen so schwer wie ein echtes Baby sind und sich zum anderen auch genau so verhalten. Inklusive Schreien, Lachen, Atemgeräuschen beim Schlafen und einem Köpfchen, das immer gehalten werden will. Und einem internen Speicher, der genau aufzeichnet, wie sich die jungen Mütter auf Zeit um ihr Kind kümmern. „Elternbedenkzeit“ heißt das Projekt, das an mehreren Schulen stattfindet und das pädagogische Ziel verfolgt, heranwachsenden Mädchen die Verantwortung für die Mutterrolle näher zu bringen. Jetzt wurden die Daten ausgewertet.
Martina Fritzsche und Melanie Burkhardt vom Kreisverband Nordsachsen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) waren größtenteils zufrieden: „Die Ergebnisse sind im üblichen Rahmen für dieses Projekt“, so Fritzsche. Nahezu alle Schülerinnen erreichten 92 Prozent oder mehr. Nahezu perfekt waren Vivian und Clarissa mit 99 Prozent. „Mist, eigentlich wären 100 Prozent drin gewesen, aber beim Weitergeben meines Sebastians an eine Bekannte haben wir einmal die Kopfstütze vergessen“, sagte Vivian, die sich rührend um „ihren“ Sohn kümmerte. Bei Clarissa kam zur Kopfstütze ein vergessenes Füttern hinzu. „Der Computer im Simulator zeichnet gnadenlos alle Verstöße auf. Und wenn das Baby registriert, dass auf sein Schreien nicht die Flasche an den Mund geführt wurde, gibt das einen Minuspunkt. Insgesamt ist das aber nicht schlimm“, sagte Melanie Burkhardt.
Wirklich schlimm erging es allerdings einem Kind. Wäre es ein richtiges Baby gewesen, wäre es jetzt entweder behindert oder tot. Diagnose: Schütteltrauma. Ein Schock für die junge Mutter, die hier nicht erwähnt werden soll. „Ich habe mein Kind an einen Bekannten gegeben, weil ich weg musste“, so die Schülerin. Offenbar war sich der Bekannte der Ernsthaftigkeit des Experimentes nicht bewusst und wollte den schreienden Simulator durch Schütteln zur Ruhe bringen. Mit Erfolg – das „Baby“ stellte sich tot und reagierte für mehrere Stunden gar nicht mehr. Wie ein echter Säugling, der eine solche Folter durchmachen muss. Immerhin wählte die Schülerin die Notfallnummern, quasi die technische Hotline für die Simulatoren und vertraute sich am Montag der Schulsozialarbeiterin Ulrike Denkiger an, die das Projekt begleitete. „Wichtig ist, dass du dir jetzt im Klaren darüber bist, dass ein Neugeborenes nicht Bekannten anvertraut werden darf“, mahnte Martina Fritzsche und erntete heftiges Kopfnicken der noch immer kreideweißen Probemutter.
Trotz oder gerade wegen dieses Vorfalls und nur wenigen Stunden Schlaf bezeichneten die sieben Schülerinnen das Projekt als durchweg gelungen und sehr schön. „Wir hatten am Montag, als wir die Babys wieder abgeben mussten, schon Entzugserscheinungen. Und im Unterbewusstsein hörte man immer ein leises Schreien. Bei manchen ging es sogar so weit, dass sie Nachts das leise Atmen neben sich vermissten“, beschrieb Svenja die Gefühle. Negative Auswirkungen auf die Kinderwünsche, die fast alle mit „zwei bis drei“ angaben, hatte das Wochenende als Mütter auf Zeit kaum. Spätestens mit 25 Jahren soll bei den Mädchen, Ausbildung und Arbeit vorausgesetzt, die Familienplanung abgeschlossen sein.
Erschien am 5. Oktober 2009 in der Leipziger Volkszeitung.