{"id":1144,"date":"2008-06-07T10:01:29","date_gmt":"2008-06-07T08:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/?p=1144"},"modified":"2018-03-31T12:19:24","modified_gmt":"2018-03-31T10:19:24","slug":"lintec-einmal-boerse-und-zurueck-vom-aufstieg-und-fall-einer-vorzeigefirma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/lintec-einmal-boerse-und-zurueck-vom-aufstieg-und-fall-einer-vorzeigefirma\/","title":{"rendered":"Lintec: Einmal B&#246;rse und zur&#252;ck &#8211; Vom Aufstieg und Fall einer&nbsp;Vorzeigefirma"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/uploads\/lindemeyer-knoblauch.jpg\" alt=\"Renate Lindemeyer\" title=\"lindemeyer-knoblauch\" width=\"240\" height=\"139\" align=\"left\" style=\"margin:0 10px 10px 0\" \/>Taucha. Sie h&#228;tte das nicht tun m&#252;ssen. Aber sie wollte es, das merkte man Renate Lindemeyer an. Am Dienstagabend erz&#228;hlte sie auf Einladung des Kunst- und Kulturvereins Taucha (KuKuTa) vom rasanten Aufstieg und dem schleichenden Fall jenes Unternehmens, das sie kurz nach der Wende mit aufgebaut hatte: Lintec.<\/p>\n<p>\u201eNobody knows you, when you&#8217;re down and out\u201c &#8211; der Klassiker aus den 30er Jahren von Bessie Smith, den die Band Sp&#228;tlese zu Beginn der \u201eBlauen Stunde\u201c im Caf\u00e9 Esprit zum Besten gab, war passend. \u201eKeiner kennt Dich, wenn Du pleite bist\u201c hei&#223;t der Titel &#252;bersetzt. Pleite ist sie allerdings nicht, auch wenn das viele nach der Insolvenz des einstigen B&#246;rsenstars glauben. Wohl auch darum berichtete Renate Lindemeyer dem Publikum im Gespr&#228;ch mit Moderator Roman Knoblauch erstaunlich locker und unterhaltsam von ihrem gelebten Traum. Ein Traum, den sie vor allem ihrem Mann Hans Dieter Lindemeyer zu verdanken hat, der \u201eim Kopf mindestens ein halbes Jahr voraus war und Dinge erahnt hat\u201c, wie die heute 52-j&#228;hrige sagte. \u201eDiese Gabe ist beneidenswert, daf&#252;r habe ich ihn immer bewundert.\u201c<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAngefangen hat alles im M&#228;rz 1990. Lindemeyer, der Diplommathematiker, wollte bereits zu DDR-Zeiten auf eigenen Beinen stehen, als Programmierer sein Geld verdienen. Nach der Wende lernte er schnell, dass der Softwaremarkt bereits erschlossen und aufgeteilt war. \u201ePartner aus Gladbeck haben uns geraten, die Software zusammen mit Hardware zu verkaufen. Anfangs liehen sie uns sechs Computer, mit denen wir durch die Lande zogen und Betrieben noch vor der W&#228;hrungsunion die moderne Technik schmackhaft machten\u201c, so Renate Lindemeyer. Die erste Rechnung schrieben sie an das VEB Getriebewerk Leipzig. \u201eVier Computer zum St&#252;ckpreis von knapp 11000 Mark der DDR plus Monitore und Kleinkram machten einen Gesamtpreis von 120448 Mark. Und in diesen Gr&#246;&#223;enordnungen ging das dann weiter. Unser Gl&#252;ck war, dass die ehemaligen Staatsbetriebe einen Geldtopf hatten, den sie bereitwillig ausgaben, weil keiner wusste, zu welchem Kurs in die D-Mark getauscht wurde\u201c, sagte sie. Zwei Monate nach Firmengr&#252;ndung machte das Ehepaar Lindemeyer die erste Million Umsatz. Die zweite Million folgte sechs Monate nach Einf&#252;hrung des Westgeldes. Neben Taucha sorgten Niederlassungen in Arnstadt und Halle f&#252;r ordentlich Umsatz.<\/p>\n<p>Kurz nach der Wende ahnte Hans Dieter Lindemeyer, was sich sp&#228;ter best&#228;tigen sollte: PC-H&#228;ndler schossen wie Pilze aus dem Boden. Der Unternehmer handelte, agierte ab sofort nur noch als Gro&#223;h&#228;ndler und hatte all die kleinen neuen H&#228;ndler als seine Kunden. Renate Lindemeyer k&#252;mmerte sich als Personalchefin um eine klare Struktur der Abteilungen, war zudem f&#252;r das Controlling und die Buchhaltung zust&#228;ndig. \u201eDas Jahr 1992 war eines der besten. Wir hatten ein stetiges und steiles Wachstum. Angst vor der Zukunft hatten wie nie, im Gegenteil, wir haben uns immer darauf gefreut. Ab und zu musste ich meinen Mann mal stoppen, ihn daran erinnern, dass wir bodenst&#228;ndig bleiben sollten. Das war ein gutes Geben und Nehmen, privat wie auch gesch&#228;ftlich. Wenn einer Opfer bringen musste, dann waren das meine Kinder. Daf&#252;r w&#252;rde ich ihnen heute noch &#246;ffentlich danken.\u201c<\/p>\n<p>Der erste R&#252;ckschlag folgte 1999. Ausgerechnet, als es um die Wandlung Lintecs in eine Aktiengesellschaft ging, erlitt Renate Lindemeyer einen Schlaganfall. \u201eIch konnte die erste Zeit danach weder sprechen noch kaufen. Die rechte Hand war nahezu tot. Aber ich wollte das nicht akzeptieren, nicht mit 43. In 15 Monaten Rehabilitation habe ich alles wieder hergestellt, auch wenn ich seitdem Konzentrationsschw&#228;chen habe, nicht mehr Skifahren oder Tennis spielen kann.\u201c Doch bereits w&#228;hrend der Reha sp&#252;rte sie, dass sich Lintec zu schnell und zu stark ver&#228;ndert. \u201eBeinahe jeden Tag las man von einem neuen Zukauf. Als ich wieder arbeiten konnte, hatte jeder ranghohe Angestellte einen Firmenwagen. Das war nicht schlimm, das Geld war ja da. Aber ich merkte, dass die Bodenst&#228;ndigkeit w&#228;hrend meiner Abwesenheit verloren ging\u201c, erinnerte sie sich. Nach dem B&#246;rsengang fing das Schiff endg&#252;ltig an zu trudeln, wie Lindemeyer es ausdr&#252;ckte. \u201eDas Kerngesch&#228;ft wurde vernachl&#228;ssigt. Die kleine Tauchaer Firma wurde vernachl&#228;ssigt, der unternehmerische Alltag war nicht mehr unter Kontrolle. Die Presse bezeichnete uns als Weltkonzern, uns geh&#246;rten unz&#228;hlige Firmen wie Pixelnet und Photo Porst \u2013 allein dort waren es hunderte Filialen.\u201c Trotzdem ging es einige Jahre weiter bergauf, wenngleich der steile Anstieg vorerst gestoppt war.<\/p>\n<p>Am 28.11. 2002 \u2013 markante Zahlen habe Lindemeyer verinnerlicht, wie sie sagt \u2013 kam der n&#228;chste D&#228;mpfer. Hans Dieter Lindemeyer er&#246;ffnete seiner Frau, dass die private Beziehung zu Ende sei. \u201eEr hatte eine neue Frau und als ich ihn fragte, was an ihr besser war, meinte er: &#8218;Nichts, sie ist genauso toll wie Du.&#8216; Das tat am meisten weh.\u201c Erkl&#228;ren konnte sie es sich nie. Ende 2003 kam dem Firmengr&#252;nder wohl wieder eine Vorahnung \u2013 und stieg aus seinem eigenen Unternehmen aus. Thomas Goletz wurde neuer Vorstandsvorsitzender. Mit ihm arbeitete Renate Lindemeyer eng zusammen. \u201eAllerdings recht einseitig. Wir haben zwar Probleme besprochen, eine Umsetzung gab es meist aber nicht. Obwohl ich die h&#228;tte einfordern k&#246;nnen, ich war bis 2005 Hauptaktion&#228;rin. Auf die Idee, dass ich diese Postition dazu h&#228;tte nutzen k&#246;nnen, um die F&#252;hrung zu &#252;bernehmen, bin ich nie gekommen. Das war ein Fehler, den ich mir heute eingestehen muss. Nach einer drohenden Insolvenz im Jahr 2005 kam ein Investor. Lindemeyer wurde erst einen Gro&#223;teil ihrer Anteile los,  im Februar 2007 ihren Job. Gegen die K&#252;ndigung klagte sie und gewann. Sp&#228;ter folgte die zweite K&#252;ndigung. Auch gegen diese klagte und gewann sie \u2013 am 1. April 2008. Sieben Tage sp&#228;ter meldete Lintec Insolvenz an.<\/p>\n<p>Auf die Frage, wie es ihr jetzt gehe, sagte Renate Lindemeyer k&#252;rzlich zu ihrer Mutter: \u201eSo lange ich noch zehn Rennpferde habe, kann es mir nicht schlecht gehen.\u201c Derzeit besitzt sie sieben. Und bis zur Rente komme sie auch noch gut durch.<\/p>\n<p><em>Erschien in k&#252;rzerer Form am 7. Juni 2008 in der Leipziger Volkszeitung.<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.danielgrosse.com%2Fblog%2Flintec-einmal-boerse-und-zurueck-vom-aufstieg-und-fall-einer-vorzeigefirma%2F&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Taucha. 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