{"id":2905,"date":"2011-09-04T21:58:49","date_gmt":"2011-09-04T19:58:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/?p=2905"},"modified":"2019-07-18T11:27:16","modified_gmt":"2019-07-18T09:27:16","slug":"sprachlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/sprachlos\/","title":{"rendered":"Sprachlos"},"content":{"rendered":"<p>Es passiert nicht oft, dass ich sprachlos bin. Oder nicht wei&#223;, wie ich einen Text beginnen soll. Bei diesem Text hier ist es  so. Wie beginnt man einen Text, in dem man beschreiben wird, wie es ist, wenn direkt vor den eigenen Augen jemand stirbt? Wie beschreibt man, was man gar nicht beschreiben kann? Die Ohnmacht? Das Unfassbare, das erst langsam in einem hochkriecht und dann pl&#246;tzlich umschl&#228;gt in die Gewissheit, dass das Ganze, was man gerade erlebt hat, wirklich passiert ist\u2026<\/p>\n<p>Freitagabend. Wir sind mit guten Freunden beim Passagenfest. Vor Specks Hof bleiben wir stehen. Von gegen&#252;ber wird mit dem Beamer die Hauswand angestrahlt. Gegen 22.50 Uhr beginnt eine effektvolle Show. Mit Musik unterlegt werden 3D-Bilder an die Fassade gestrahlt. Die Jahreszahl 1924 wird eingeblendet. Von unten steigen blaue Blubberblasen nach oben. Auf einmal beginnt ein Saxofonist zu spielen, angestrahlt von einem Spot. Fast ganz oben sitzt er auf einer Balkonbr&#252;stung. Etwas mehr als eine Minute spielt er ein Lied. Dann ist es zu Ende, der Spot geht aus, die Zuschauer applaudieren.<\/p>\n<p>Unmittelbar danach passiert das, was so unbegreiflich ist und wohl auch eine Weile bleibt. Etwas Gro&#223;es f&#228;llt zu Boden. In den letzten Millisekunden sehe ich noch, dass es sich dabei um einen Mann handeln muss. Er rudert mit den H&#228;nden. Danach folgt ein Ger&#228;usch, von dem ich niemandem w&#252;nsche, dass er es jemals h&#246;ren muss. Stille. Gef&#252;hlt 10 Sekunden ist totale Stille vor dem Geb&#228;ude. Bis die ersten begreifen: Hier ist keine Puppe runtergefallen, das geh&#246;rte nicht zur Show. Erste Menschen laufen hin, schlagen die H&#228;nde &#252;ber dem Kopf zusammen. Manche weinen. Schlagartig werde ich kreidebleich, mir wird hei&#223;, auf der Stirn bildet sich kalter Schwei&#223;. Auch meiner Familie und unseren Freunden geht es nicht besser. Wir m&#252;ssen uns setzen. Ich habe mit Sicherheit einen leichten Schock. <\/p>\n<p>Etwa 15 Minuten dauert es, bis der Notarzt kommt. Eigentlich ein Unding, mitten in der Innenstadt und w&#228;hrend eines Festes. Der Arzt kann nichts mehr tun. Wir sitzen immer noch in der N&#228;he dieser unbegreiflichen Szenerie. Sp&#228;ter wechseln wir in ein Restaurant, trinken einen Kaffee, versuchen das Ganze zu verarbeiten, zu begreifen. Inzwischen habe ich die Kollegen bei LVZ-Online mit den ersten Informationen versorgt. Zum selbst Schreiben habe ich keine Kraft. <\/p>\n<p>Die Nacht ist schlimm. Mehrfach wache ich auf, merke, dass ich davon getr&#228;umt habe. Meiner Familie geht es nicht anders. Auch der Freund, der wie ich den Sturz komplett mitbekommen hatte, berichtet am n&#228;chsten Tag von einer grausamen Nacht. Rund 20 Mal, sch&#228;tzt er, habe er den Mann im Traum fallen sehen. <\/p>\n<p>Am n&#228;chsten Tag liegen Blumen vor dem Haus. Gegen Mittag zieht ein indischer Wagen durch die City, begleitet von dutzenden S&#228;ngern in bunten Gew&#228;ndern. Direkt vor dem Ungl&#252;cksort wird einem gewissen Krishna gehuldigt. Krishna &#8211; eine hinduistische Form des G&#246;ttlichen. Ein Gott, der Mensch geworden ist. Wie grotesk. Ein bunter Wagen mit laut pl&#228;rrender Musik und wild h&#252;pfenden Menschen zieht an den Blumen und dem Grablicht vorbei.<\/p>\n<p>Nein, es gibt keinen Gott. Nicht an diesem Wochenende. Und auch sonst nicht.<\/p>\n<p><em>Kurzer Nachtrag, weil ich darauf angesprochen wurde: Nat&#252;rlich gestehe ich jedem seine Religion und die Aus&#252;bung selbiger zu. Das oben beschriebene bezog sich lediglich auf die unwirkliche Szenerie eines bunten, lauten Wagens mit fr&#246;hlichen Menschen, die an den Blumen vor&#252;berzogen &#8211; und sicherlich gar nicht wussten, was sich da wenige Stunden vorher abspielte.<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.danielgrosse.com%2Fblog%2Fsprachlos%2F&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es passiert nicht oft, dass ich sprachlos bin. 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