{"id":3668,"date":"2010-04-21T11:44:08","date_gmt":"2010-04-21T09:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.lvz-online.de\/grossesnetz\/?p=68"},"modified":"2020-08-10T09:34:15","modified_gmt":"2020-08-10T07:34:15","slug":"kopfloses-businesstreffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.danielgrosse.com\/blog\/kopfloses-businesstreffen\/","title":{"rendered":"Kopfloses&nbsp;Businesstreffen"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p>Schweinchenrosa. Es gibt sch&#246;nere Farben f&#252;r Zettelchen mit Nummern drauf. Auf meinem stand eine graue 717, was ihn auch nicht attraktiver machte. Zwei Blondinen in wei&#223;en Hosenanz&#252;gen und einem Zahnpastal&#228;cheln &#252;bergaben mir den Schnipsel. &#8222;Damit k&#246;nnen sie sich da dr&#252;ben ein Getr&#228;nk abholen&#8220;, l&#228;chelten sie wissend und warfen den F&#252;nf-Euro-Schein, der mir Einlass verschaffte, in eine Geldkassette.<\/p>\n<p>Dieses &#8222;da dr&#252;ben&#8220; bestand aus zwei Tischen, hinter denen ein einzelner Mann verzweifelt versuchte, eine lange Schlange wartender Rosaschnipselinhaber in ertr&#228;glicher Geschwindigkeit abzufertigen. Was geh&#246;rig misslang. Daf&#252;r konnte der Getr&#228;nkemann nichts. Die Art und Weise, wie er die Prosecco-Flaschen &#246;ffnete, lie&#223; darauf schlie&#223;en, dass dies nicht gerade seine bevorzugte T&#228;tigkeit ist.  Daf&#252;r konnte er einschenken. In aller Ruhe, versteht sich. Prosecco pur oder geschw&#228;ngert mit gelbem Limetten- oder rotem Erdbeer-Aperitif standen f&#252;r mich schon sieben Minuten sp&#228;ter zur Auswahl. &#8222;Limette bitte. Sieht nicht ganz so peinlich aus&#8220;, h&#228;tte ich dem Nicht-Barkeeper am liebsten in sein fragendes Gesicht geantwortet. Stattdessen zeigte ich auf den gelben Sirup und nickte kurz. Er hatte verstanden.<\/p>\n<p>Stolz wie ein Erstkl&#228;ssler mit Zuckert&#252;te f&#252;hrte ich mein hellgelbes Getr&#228;nk spazieren und atmete Businessluft. So l&#228;uft das also ab auf einem XING-Event. Treffen der &#8222;Leipziger K&#246;pfe&#8220;, nannte sich die Veranstaltung. Ich lie&#223; meine Blicke schweifen. Beanzugte Herren und kost&#252;mierte Frauen standen beisammen und prosteten sich mit ihren klebrigen Aperitif-Gl&#228;sern zu. <\/p>\n<p>&#8222;Hinten rechts bekommen sie dann ihr Namensschildchen&#8220;, hatten mir die Einlassblondinen vorhin noch hinterher gerufen. Hinten rechts stand ein Mann mit einer Art Tablet-Computer, der, als er mich sah, sofort nach meinem Namen fragte. &#8222;Gro&#223;e&#8220;, antwortete ich, worauf er &#8222;Krause?&#8220; frug und sogleich ein K in seinen Rechner tippte. &#8222;Nein, Gro&#223;e, wie gro&#223; mit e&#8220;, erwiderte ich und f&#252;gte sicherheitshalber noch &#8222;mit s-z&#8220; hinzu. Der Computermann tippte brav, um sogleich &#8222;Hab ich hier nicht. Haben sie sich nicht angemeldet?&#8220;, zu fragen. Hatte ich nat&#252;rlich nicht. Womit mich der Tabletspezi zu seiner Kollegin verwies. &#8222;Sie kann sie manuell nachtragen&#8220;, zeigte er. &#8222;Wie gro&#223; mit e&#8220;, erkl&#228;rte ich der Dame, die bereits dabei war, mich zu Herrn Kruse zu machen. &#8222;Firma?&#8220;, frug sie. &#8222;Freier Journalist&#8220;, antworte ich. &#8222;Das ist doch aber keine Firma!&#8220;, meinte sie. &#8222;Nun, ich bin freier Journalist, entsprechend kann ich ihnen keine Firma nennen&#8220;, gab ich ihr zu verstehen. &#8222;Dann lass ich das lieber frei&#8220;, entschied sie sicherheitshalber und f&#252;gte mich in die Kategorie Medien ein. Wenige Sekunden sp&#228;ter war ich stolzer Besitzer eines Klebeschildchens mit meinem Namen und einem Kamera-Piktogramm darauf, dass die Zugeh&#246;rigkeit zur Medienmeute symbolisieren sollte.<\/p>\n<p>Doch nicht nur ich wusste nun, dass ich offiziell anwesend war, sondern auch der gesamte Saal. Per Beamer wurde mein Name und der von weiteren Teilnehmern an die Wand geworfen. Ich war eingeordnet in die Spalte &#8222;gerade eingetroffen&#8220;. Neben meinem Namen erschien ein schwarzer Kopf. Rechts daneben waren Menschen abgebildet, die sich bereits l&#228;nger im Saal befanden. Nahezu alle hatten ein Profilbild und trugen eine Firmenbezeichnung. Das nenn ich mal transparent. Gefragt, ob ich es f&#252;r gut hei&#223;e, meinen Namen per Beamer jedem mitzuteilen, wurde ich nicht. Dagegen wirkt der fehlende Datenschutz bei Facebook fast schon niedlich. Insofern eine gute Entscheidung, mich nicht vorher angemeldet zu haben. <\/p>\n<p>Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Tabletmann sein Spielzeug beiseite legte und sich ein Mikrofon griff. &#8222;So, dann fangen wir mal an&#8220;, bestimmte er und stellte sich als Markus Hartlieb vor. Er sei Ambassador (ein Wort, das ich erstmal googlen musste) f&#252;r XING und wolle einen kleinen Einblick in die Suchfunktion geben. Dann demonstrierte er eindrucksvoll die Schw&#228;chen des Kontaktenetzwerkes. Zumindest wollte er das. &#8222;Wenn man beispielsweise nach &#8218;Arzt&#8216; sucht, dann werden nicht etwa &#196;rzte aufgelistet, sondern alle Leute, die &#8218;Arzt&#8216; hei&#223;en&#8220;, sagte er und pr&#228;sentierte eine Suchergebnisliste mit kaum jemandem, der &#8218;Arzt&#8216; hei&#223;t, sondern fast ausschlie&#223;lich nur Arzt von Beruf ist. &#8222;Oh&#8220;, meinte der Ambassador. &#8222;Dann hat das XING wohl kurzfristig ge&#228;ndert&#8220;, gab er zu, nicht vorbereitet zu sein. Dennoch lie&#223; er es sich nicht nehmen, tats&#228;chliche Programmierfehler der Suche zu zeigen. &#8222;Wer einen Arzt sucht, findet tats&#228;chlich nur M&#228;nner. Frauen findet man nur, indem man auch nach &#8218;&#196;rztin&#8216; sucht.&#8220; Wer h&#228;tte das gedacht. Frauen sollten daher auch immer die m&#228;nnliche Gattungsbezeichnung ihres Berufes in ihrem Profil verewigen, wenn sie &#252;ber die XING-Suche gefunden werden wollen. Nat&#252;rlich, wenn die Suchfunktion der Plattform M&#228;nnlein und Weiblein nicht von allein addieren kann, muss eben der Nutzer nachhelfen.<\/p>\n<p>Anschlie&#223;end gab der Botschafter des gr&#252;n-gelben X Nachhilfe in Sachen Suchverkn&#252;pfung und Ausschlussverfahren. OR, AND, Wildcards und Minuszeichen. Alles schon geh&#246;rt. Damals, 1997, als Google noch bei der Stanford University gehostet wurde. &#8222;Ein m&#228;chtiges Werkzeug&#8220; sei die XING-Suche, wenn man sie einzusetzen wisse, meinte Mister X, offenbar auch ein wenig zu sich selbst. Warum anschlie&#223;end Beifall geklatscht wurde, erschloss sich mir nicht.<\/p>\n<p>Man d&#252;rfe sich nun frei bewegen und unterhalten, hatte der Ambassador den Anwesenden auf den Weg gegeben. An einer Wand w&#252;rden Visitenkarten h&#228;ngen, damit man sehen k&#246;nne, wer so da ist. Als ob die &#252;berdimensionierte Pr&#228;sentation der XING-Profile via Beamer nicht ausreichen w&#252;rde. <\/p>\n<p>Ich stellte mein Klebe-Glas auf einen der runden Bistro-Tische und schlenderte durch den Saal. Gr&#252;ppchen zu je drei, vier Leuten standen um die wei&#223; bespannten Stehm&#246;bel und unterhielten sich. Sicher die gleichen Leute, die sich ohnehin von der Arbeit kennen oder auf solchen Anl&#228;ssen prinzipiell immer zusammenstehen. Einige der Herren hatten sich f&#252;r den gro&#223;en Abend sogar eine Krawatte gebunden, oder hatten sie einfach nach dem B&#252;roalltag nicht abgenommen. &#8222;Passiert hier noch etwas?&#8220;, frug ich etwas niedergeschlagen eine Bekannte. &#8222;Glaub nicht, bin auch zum ersten Mal hier. Auch nur zum Quatschen&#8220;, antwortete sie.<\/p>\n<p>&#8222;Grrrrr.&#8220; Mein Magen forderte seine abendliche Ration. Ich ging in Richtung der Menschen, die noch kauend ihre M&#252;nder mit der Serviette abwischten. &#8222;Snack-Angebot&#8220; war auf einem kleinen Schildchen zu lesen, das auf einem Tisch stand. Dahinter zwei l&#228;chelnde, besch&#252;rzte Damen. Das Snack-Angebot bestand aus Debrecziner W&#252;rstchen. Die eigentlich nur Wiener waren und von einem blassen Br&#246;tchen begleitet wurde. Die Schlipstr&#228;ger und Kost&#252;mfrauen um mich herum a&#223;en die Gourmetnahrung f&#252;r zweif&#252;nfzig mit Messer und Gabel. Das irritierte mich so sehr, dass ich mir auch Werkzeug holte. Die Wiener schmeckten wie das Event an sich: Fad und m&#252;de. Das Br&#246;tchen lie&#223; ich unangetastet. <\/p>\n<p>Ein letztes Mal ging ich durch den Saal, der eigentlich ein gro&#223;er Konferenzraum war. Meine Bekanntschaft stand noch immer mit den gleichen Leuten wie vorhin zusammen. &#8222;Ich gehe jetzt, hier ist nichts los&#8220;, rief ich ihr zu.<br \/>\nInsgesamt wusste das Treffen der &#8222;Leipziger K&#246;pfe&#8220; nicht so recht, was es sein sollte &#8211; ein Businessevent mit Anspruch oder doch nur eine mittelklassige Visitenkartenparty. Aber wenigstens die Einlassblondinen waren nett. &#8222;Sch&#246;nen Abend&#8220;, w&#252;nschten sie mir beim Gehen. Ja, den h&#228;tte ich gehabt. Zu Hause.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.danielgrosse.com%2Fblog%2Fkopfloses-businesstreffen%2F&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweinchenrosa. Es gibt sch&#246;nere Farben f&#252;r Zettelchen mit Nummern drauf. Auf meinem stand eine graue 717, was ihn auch nicht attraktiver machte. 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